Darf ich wirklich JEDEN in Schweden duzen?

DU?-mindre

Das ist eine Frage die in jedem Kurs ausgiebig mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen diskutiert wird. Und meine Frage darauf ist immer die gleiche: Ja, solange du nicht mit einem Mitglied der Königsfamilie sprichst darfst und solltest du sogar jeden duzen. Da ich dann oft auf verständnislose oder hilflose Blicke treffe, lohnt es sich ein wenig weiter auszuholen.

Ende der 60er Jahre gab es die sogenannte „DU-Reform“ in Schweden. Vor dieser Reform war es üblich einander mit Berufstiteln anzusprechen, sowie herr oder fru in Kombination mit dem Nachnamen zu verwenden. Typische Sätze aus dieser Zeit sind:

  • Hur mår Direktören? (wörtl.: Wie geht es dem Direktor? jedoch im Sinne von „Wie geht es Ihnen Herr Direktor?“ benutzt.) 
  • Ska det provas en jacka? (wörtl.: „Soll eine Jacke anprobiert werden?“ jedoch im Sinne von „Möchten Sie eine Jacke anprobieren?“ benutzt.)
  • Hur mår herr Jansson idag? (wörtl.: Wie geht es Herrn Jansson heute? jedoch im Sinne von „Wie geht es Ihnen heute Herr Jansson?“ benutzt.) 

In der schwedischen Gesellschaft der sechziger Jahre wurde dies aber als zunehmend umständlich und unbequem empfunden, sodass es schliesslich zur DU-Reform kam. Das Ziel der Reform war es eine gleichberechtigtere und demokratischere Gesellschaft zu kreieren.

Mit den Jahrzehnten wurde es vollkommen selbstverständlich jeden in Schweden zu duzen und mit dessen Vornamen anzusprechen. Wie selbstverständlich wird durch diesen Spruch deutlich:

Förr måste du känna folk väl för att veta vad de hette i förnamn,
i dag måste du känna folk väl för att veta vad de heter i efternamn!
(dt.: Früher musste man andere gut kennen um ihren Vornamen zu kennen,
heute musst du andere gut kennen um ihren Nachnamen zu kennen!)

Auch wenn in diesem Spruch natürlich ein wenig Ironie steckt, ganz unwahr ist er nicht. Nicht selten kann ich so einem Gespräch meiner Kollegen an einem Montagmorgen lauschen:

Jag träffade Elin i helgen. Hon hälsar så mycket!
Tack, men vilken Elin menar du?
Elin Andersson.
Andersson? Är det hon som är gift med Lasse?
Nej, det är Elin Nyberg. Elin Andersson jobbar på vårdcentralen.
Jaaaa, nu vet jag. Elin! Hur mår hon?

(dt.: Ich habe Elin am Wochenende getroffen. Schöne Grüße!
Danke, aber welche Elin meinst du?
Elin Andersson.
Andersson? Ist das die, die mit Lasse verheiratet ist?
Nein, das ist Elin Nyberg. Elin Andersson arbeitet im Ärztehaus.
Jaaaa, jetzt weiß ich wen du meinst. Elin! Wie geht es ihr?
…) 

In fast jedem Kurs sind aber dann doch einige Kursteilnehmer denen es schwer fällt ihr Gegenüber zu duzen und sie lassen es sich nicht nehmen es mit der deutschen Höflichkeitsvariante zu probieren. Dabei stellt sich dann sogleich das nächste Problem ein, soll man ni (dt.: ihr) oder de (dt.: sie (3. Person Plural)) benutzen? Mein Rat, keins von beiden!
Und auch wenn in den letzten Jahren immer wieder Restaurants und Geschäfte versuchen sich von ihren Konkurrenten abzuheben und von ihrem Personal verlangen die Gäste oder Kunden mit ni anzusprechen. Bleibt es dabei: DU!
Denn: Was in Deutschland höflich ist, ist in Schweden eine grobe Beleidigung und ruft nur Unverständnis und Unbehagen hervor.
Warum? Mit ni wurde in Schweden nur der angesprochen, der auf der Gesellschaftsleiter unter einem selber stand, sowie Untergeordnete oder das Dienstpersonal. Und seine Kunden oder Gäste zu degradieren, sollte doch wirklich nicht im Sinne eines Unternehmers sein.
Also immer dran denken: DU! Zu wirklich jedem! 🙂

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